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Freitag, 26. April 2002
Informationen zur Pressekonferenz „Psychiatrie und Internet“ im PresseClub München


Psychiater fordern professionelle Begleitung von Internet-Angeboten zum Schutz der Patienten
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden mindestens zehn Prozent der Bevölkerung - das sind 8 Millionen Deutsche - unter einer psychischen Erkrankung. Für sie wird das Internet immer stärker zu einem Informationsmedium. Über Chancen und Risiken der Entwicklung diskutieren Wissenschaftler derzeit im Rahmen eines Internationalen Symposiums an der Ludwig-Maximilians-Universität.

„In unserer Gesellschaft wird über psychische Erkrankungen nicht offen gesprochen", sagt Prof. Dr. Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der LMU München, „oder könnten Sie sich vorstellen, auf einer Party zu fragen: 'Wer kann mir einen guten Psychiater empfehlen?'" Das Internet bietet psychisch kranken Menschen neue Möglichkeiten, sich anonym zu informieren und Kontakt zu anderen Betroffenen aufzunehmen. Eine Studie an der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt, dass 42 Prozent der befragten psychiatrischen Patienten bereits das Internet genutzt hatten. „Viele wollten sich auf diesem Wege über ihre Erkrankung informieren", erklärt Prof. Hegerl.

Hohe Glaubwürdigkeit: Patienten beraten Patienten
Das Kompetenznetz Depression betreibt seit knapp einem Jahr, gefördert vom Bundesforschungsministerium, ein Online-Diskussionsforum für psychisch kranke Menschen und vor allem depressive Patienten (http://www.kompetenznetz-depression.de/). Das Forum wird von einem Facharzt für Psychiatrie moderiert und enthält über 10.000, oft mehrere Seiten lange Beiträge zu Themen wie "Warum ist es peinlich, Antidepressiva in der Apotheke zu holen?" oder "Depression und Schwangerschaft". „Eine erste Auswertung ergab, dass die meisten der 1.000 Teilnehmer das Forum als Online-Selbsthilfe nutzen", erklärt der Psychiater Hegerl, „dabei haben die Ratschläge von anderen Betroffenen eine hohe Glaubwürdigkeit und bewegen nach unserer Einschätzung Teilnehmer dazu, sich erstmals mit den Symptomen ihrer Erkrankung an einen Arzt zu wenden oder Medikamente einzunehmen." Die Homepage des Großforschungsprojektes wird derzeit von mehr als 1.000 Personen pro Tag besucht und ist damit zu einer wichtigen Informationsquelle für Patienten geworden. „Wir hoffen, dass unsere Homepage dazu beiträgt, unnötige Ängste und Vorurteile gegenüber einer Therapie der Depression abzubauen," sagt der Psychiater Hegerl, „damit depressive Erkrankungen bei mehr Betroffenen früher erkannt und rechtzeitig behandelt werden."

"Online-Suizidforen": Gefahr gerade für junge Menschen
Der anonyme Austausch per Internet birgt auch Gefahren wie die so genannten "Suizidforen". Suizidalität ist trotz der etwa 12.000 Suizid-Opfer in Deutschland weiterhin ein Tabuthema. Mit dem Internet wächst die Zahl der Foren, in denen sich Teilnehmer offen über Todeswünsche und Suizidpläne austauschen. Bekannt wurde im Februar 2000 der gemeinsame Suizid zweier junger Menschen aus Norwegen und Österreich, Daniel V., 24, und Eva D., 17, die sich über das Internet verabredet hatten. Auf mehrere tausend - Tendenz steigend - schätzen Fachleute die Zahl dieser Foren weltweit, etwa 30 sind es in Deutschland.

Monitoring von Internet-Angeboten
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Suizid keine "freie Entscheidung" ist. 90 Prozent aller Suizid-Opfer litten unter einer psychischen Erkrankung; in zwei von drei Fällen lag eine Depression vor. „Besonders junge Menschen, die in der Phase des Erwachsenwerdens in eine Krise geraten, sind im Internet besonders gefährdet", sagt der Psychologe David Althaus. Unter den Suizidopfern in Deutschland sind jährlich auch etwa 800 Menschen unter 25 Jahre. Junge Frauen sind eine Hochrisikogruppe für Suizidversuche; Experten schätzen, dass etwa 120.000 Suizidversuche pro Jahr verübt werden. „Das Internet ist ein Medium der Jüngeren. Die ARD/ZDF-Online-Studie 2001 zeigt, dass die Altersgruppe der 14- bis 19-jährigen mit 67,4 Prozent mittlerweile die höchste Internet-Nutzung aufweist", sagt Dr. Patrick Bussfeld. Gerade junge Menschen seien in den so genannten Suizidforen zu finden. „Viele reizt der Tabubruch", so der Psychiater Dr. Bussfeld, „aber was für manche nur ein Spiel mit dem Feuer ist, wird für andere zu einer akuten Lebensgefahr." Einen Risikofaktor sehen Fachleute im "Werther-Effekt", d.h. in der Problematik der Nachfolge-Suizide. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es umso öfter zu Nachahmungstaten kommt, je ähnlicher sich Imitator und Modell sind. Die Identifikation - z.B. mit einem Prominenten oder einem Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation - spielt hierbei eine wichtige Rolle. „Gerade bei Chats ist zu befürchten, dass die suizidalen Äußerungen eines Teilnehmers, auch wenn diese von ihm selbst nie umgesetzt werden, andere zu einem Suizid anstiften", betont der Psychologe David Althaus.

Auch andere Homepages, die sich an Menschen mit psychischen Problemen und Krisen wenden, sind immer wieder von suizidalen Postings und Suizid-Ankündigungen betroffen. Das Thema Suizidalität im Internet lässt sich nicht auf die so genannten Suizidforen, die in das Medieninteresse geraten sind, eingrenzen. „Eine zeitnahe professionelle Begleitung und ein Monitoring aller Foren und Chats, die sich an Menschen in Problemsituationen wenden,  ist zum Schutz der Teilnehmer unbedingt erforderlich", sagt der Sprecher des Kompetenznetzes Depression, Prof. Dr. Ulrich Hegerl.

Der 11. September 2001 und das Internet     
Im Rahmen des Internationalen Kongresses „Psychiatrie und Internet“ waren auch der 11. September 2001 und die Bewältigung der Ereignisse via Internet ein Thema. Robert S. Kennedy, Referent aus New York, betont: „Nach dem 11. September wurde das Internet zu einem sehr wichtigen Informationsmedium.“ Dabei reichten die Möglichkeiten des Internets von der reinen Informationsvermittlung -  z.B. Hotline-Telefonnummern oder psychologische Auswirkungen von Traumata - bis zu therapeutischen Aspekten. Überlebende konnten sich in Online-Foren austauschen und unterstützen. In Medien wie http://www.cnn.com/ oder in der Online-Ausgabe der New York Times stellten Angehörige die Photos ihrer Toten teilweise selbst online. „In diesen Photo-Memorials kommen die Opfer der Terroranschläge nicht nur als Zahlen vor, sondern haben als Individuen wieder ein Gesicht bekommen. Das war für die Angehörigen sehr wichtig“, sagt Kennedy.

Second International Symposium on Psychiatry and Internet
http://www.psynet-congress.de/, email: psynet.congress@med.uni-muenchen.de

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