Wetter
   
 

Depression und Wetter

Trübes Wetter und dunkle verregnete Herbstnachmittage schlagen bei vielen Menschen auf die Stimmung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es zu depressiven Erkrankungen kommen muss. Bei einigen erhöht sich allerdings saisonal die Vulnerabilität für depressive Erkrankungen1.
Typische Symptome einer saisonal bedingten Depression sind u.a. anhaltende Müdigkeit, Heißhunger auf Süße, Gewichtszunahme. Diese saisonal abhängigen Depressionen („Winterdepressionen“) sind jedoch eher selten. Bei der Mehrzahl der depressiven Erkrankungen im Winter handelt es sich nicht um Winterdepressionen.

Die drei von der Weltgesundheitsorganisation zusammengestellten Erhebungen der Suizidzahlen - wichtige Indikatoren für eine suboptimale Diagnose und Therapie von Depressionen - aus 18 europäischen Ländern ergeben kein einheitliches Bild.
Aufgrund des epidemiologischen Befundes lässt sich auf den ersten Blick zwar ein Einfluss des Wetters auf die Stimmung und die psychische Gesundheit vermuten, insofern man tendenziell ein "Nord-Süd Gefälle" in den europäischen Ländern feststellen kann.
So sind die niedrigsten Suizidzahlen eher in den warmen und sonnigen Ländern Griechenland und Italien zu finden, die höheren in den nördlicheren Staaten Dänemark und Finnland mit langen Wintern und kurzen Sommern.


Abbildung 7: Suizidraten pro 100.000


Doch diese Korrelation zwischen Klima und Suizidrisiko ist keineswegs eindeutig. So standen beispielsweise die Staaten der früheren Donaumonarchie Österreich-Ungarn bei Erhebungen durch die Weltgesundheitsorganisation entgegen ihrer geographischen Lage in der Mitte Europas an oberster Stelle.
In neueren Erhebungen sind sie jedoch von den baltischen Staaten von den vordersten Plätzen in dieser traurigen Rangliste verdrängt worden.

Auch könnten die relativ niedrigen Suizidzahlen aus den katholischen Ländern Italien, Irland und Polen fehlerhaft sein. Da der Suizid in streng katholischen Gesellschaften als Sünde betrachtet wird, kommt es häufiger zur Verschleierung der Todesursache und fehlerhaft ausgestellten Totenscheinen.

Aber selbst wenn man sonniges und warmes Klima als einen von vielen Faktoren für die unterschiedliche Stimmung und psychische Gesundheit der Bewohner der europäischen Länder in Betracht ziehen wollte, müsste die Interdependenz zu anderen Faktoren wie Mentalität, Tradition, Religiosität, Familiensinn, Gruppenzusammenhalt und Kommunikationsverhalten mit berücksichtigt werden.
Das "sonnige Gemüt" des Südländers beispielsweise ist unter Umständen weniger eine direkte Folge der intensiveren Sonnenbestrahlung als des traditionell intensiveren Kommunikationsverhaltens in Ländern, in denen mehr "nach draußen gelebt" wird.

Unabhängig vom Klima spielen in allen europäischen Ländern auch soziographische Faktoren wie die Urbanisierung und die zunehmende Anonymität eine nicht unbedeutende Rolle. Auch Alkoholmissbrauch und Arbeitslosigkeit sind Faktoren, die die Suizidalität beeinflussen.

Referenz

1Magnusson, A. (2000). An overview of epidemiological studies on seasonal affective disorder. Acta Psychiatrica Scandinavica, 101, 176-184.

Seite erstellt am 01.08.2000
Autor: Ulrich Hegerl >> mehr

Letzte Änderung am 10.03.2006